Männerriegenreise ins nahe Ausland

4. / 5. Juli 2015 – Nach 276mal Hände schütteln haben sich alle 24 Teilnehmer der diesjährigen Männerriegenreise begrüsst, die wie gewohnt von Marco vorbereitet wurde. Jean Egloff ist leider nicht mit dabei, dafür hat er sich grosszügig als Sponsor für einen Umtrunk eingebracht. Die halbe Stunde Aufenthalt in Winterthur verkürzen Roger und Max mit einer gehörigen Prise Schnupftabak, bevor der Zug uns weiter nach Konstanz bringt. Petrus meint es gut mit uns und lässt die Sonne mit voller Kraft auf unsere Köpfe scheinen, so dass wir sie in der halben Stunde Wartezeit bis zur Einführung in die Geheimnisse von Konstanz gerne mit einem Bier kühlen. Frau Maria Ruf-Fritz bringt uns darauf die Bischofsstadt mit humorvollen Ausführungen basiert auf fundierten Kenntnissen näher. Die Stadt hat ihren Namen vom römischen Kaiser Konstanzia. Wenige Mauerüberreste erinnern an ein römisches Kastell. Durch Leinenhandel wurde die Stadt reich, durch das Konzil von 1414 – 1418 berühmt. Während des Konzils musste ein neuer Papst gewählt werden, um die Einheit der Kirche nach der Spaltung durch die Existenz zweier Päpste wieder herzustellen. Dabei wurden am Konzilgebäude Fenster und Türen für drei Tage verriegelt und zugemauert, bis am 11. November 1417 der weisse Rauch aus dem Kamin verkündete, dass Martin V. auserkoren wurde. In dieser Zeit hatten nebst den 6‘000 Einwohnern noch 70‘000 Besucher die Stadt bevölkert, wobei sie oft ein Bett zu zweit oder dritt teilen mussten oder es auch nur stundenweise belegen konnten. Was bei diesen misslichen Unterkunftsverhältnissen alles geschah, ist nicht zu ergründen. Aber die sich drehende Imperia, eine Säule in Seeufernähe mit der Darstellung einer Hure, welche den nackten Kaiser und den ebenfalls nackten Papst auf Händen trägt, zeigt, dass auch die damals mächtigsten Herrscher der Welt nur Menschen mit ihren Lüsten und Ängsten waren. Während des Konzils buken viele Bäcker Fladenbrote, belegten sie mit allerhand Essbarem, was heute als Pizza angeboten wird. Wer hätte gedacht, dass die Pizza aus Deutschland stammt?! Abwasser und Schmutz boten grosse Probleme, und so verwundert es nicht, dass der Ausdruck „die Sau raus lassen“ damals eine etwas andere Bedeutung hatte. Mit Frauen, die unverheiratet schwanger wurden, gingen die Stadtverantwortlichen wenig zimperlich um, denn man versenkte sie im See oder steckte sie auf den Frauenpfahl. In ihrer Not soll einst eine schwangere Frau den Gelehrten Heinrich Suso gebeten haben, er solle mit ihr den Beischlaf üben – was für ein Angebot!! – aber er lehnte dankend ab, worauf sich die Verzweifelte in den See stürzte, um der Folter und Schmach zu entgehen. Das Kloster, wo Suso gelebt hatte, ist heute ein elegantes 5-Stern-Hotel mit historischen Fresken. Im Türmchen, wo nebst Hexen und Verbrecher auch der Reformator Johannes Hus eingekerkert gewesen und später auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden war, steht für Hochzeitspaare eine Suite zur Verfügung. Wer heiratet, gibt schliesslich auch seine persönliche Freiheit preis. Die Stadt wurde in der Reformationszeit reformiert, später wieder katholisch, vor allem wegen der Jesuiten, die eine Schule einrichteten, die als älteste Schauspielschule Deutschlands gilt. Bis ins 13. Jahrhundert dienten Bilder an den Häusern zur Orientierung für Postboten, bis Napoleon die Nummern zur Kennzeichnung der Häuser einführte. Während des 2. Weltkrieges liessen die Konstanzer nachts oft die Lichter brennen, um den Alliierten vorzutäuschen, die Stadt gehöre zur Schweiz. Deshalb wurde sie nicht bombardiert, und die Altstadt blieb erhalten. Die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz verläuft mitten im See, ist jedoch nicht genau bestimmt. 1963 während der Seegförni hätte man mindestens eine Linie auf dem Eis ziehen können. Die Oberburg war der Ort von Kirche und Bischofssitz, während Leinenweber und Fischer in der Niederburg wohnten, welche heute vor allem der Gastronomie dient. Ein besonderes Lokal, sowie ein grosser Rebberg gehörten einst der reichen Wendelgard. Sie bot den Konstanzern den Rebberg an, wenn sie jeweils sonntags mit einem Ratsherrn essen, ausfahren und ihn küssen könne. Die Meersburger lehnten das Angebot ab, doch die Konstanzer Ratsherren willigten ein, wenn es jedes Mal ein anderer sein solle, denn die Dame hatte einen Schweinemund und wurde deshalb allgemein gemieden. Aber für Geld und Besitz küsste man damals schon ohne Ansehen der Person. Im Dom, dessen Beginn aufs Jahr 600 zurückgeht, fällt ein Kelch mit der Abbildung einer Spinne auf. Nach der Legende soll eine giftige Spinne in den Becher mit dem Messwein gefallen sein. Bischof Konrad habe sie verschluckt, weil der Wein bereits gesegnet war, aber nach geraumer Zeit kroch sie unversehrt wieder aus seinem Mund. Als Gegensatz zu den historischen Stadtteilen gilt der sogenannte Konstanzer Trichter mit der Universität als modern, gleichsam das Tor zum Süden. Oft finden Demonstrationen von Studenten statt, die sich für erschwingliche Unterkünfte einsetzen. Nach der interessanten Führung besteigt eine Gruppe den Turm des Doms mit seinen 193 Tritten, um einen Überblick über die Stadt zu gewinnen, während andere sich eher bei einem Bier von den Strapazen des Zuhörens erholen. Felix wagt es, mit seinem Rucksack den Turm zu besteigen, doch der Aufgang wird immer enger, so dass er Mühe hat, an den heruntersteigenden Frauen vorbei zu kommen. Besorgt fragen sie ihn, ob ein Kreuzen wohl möglich sei, denn sie sorgen sich, was er beim Zusammentreffen wohl mit seinen Händen mache. Im Brauhaus geht’s beim Mittagessen laut zu und her. Kaum ist das Essen vorbei, beginnt Albert als guter „Houseman“ mit dem Abräumen der Tische, denn den Lärm halte er nicht mehr aus und möchte den Rest des Essens gerne schnell hinter sich bringen. Wir haben noch etwas Zeit, uns auf eigene Faust in der Stadt umzusehen. Martin Kiefer und Jürg stürzen sich bei den sommerlich warmen Temperaturen kurzerhand ins kühle Wasser des Bodensees. Einige andere sehen lieber einem Balancekünstler zu, der auf einer Sleck line problemlos eine breite Bucht des Sees überquert. Selbst mit verbundenen Augen findet er sich auf der schaukelnden Linie zurecht. Rechtzeitig finden sich alle am Bahnhof ein, um zu unserer Unterkunft in Steg bei Vaduz zu gelangen. Doch wo bleibt der bestellte Extrabus? Wir warten, während Marco lernt, sein Handy zu bedienen, um den Chauffeur ausfindig zu machen. Bruno Kunz vertreibt sich die Zeit mit einem Zigarillo oder auch mehreren. Marco raucht zur Beruhigung eine Krumme und wartet auf die Eingebung des aufsteigenden Rauches. Sepp setzt sich auf den Boden, was Chrigel dazu verleitet, neben ihm einen Hut mit 2 € zu platzieren, damit er mit eventuellen weiteren Spenden die Weiterreise finanzieren kann. Willi zieht es ins Restaurant. Chrigel gesellt sich zu ihm. Turi meint: „Das ist zu viel für mich!“ Marco telefoniert und flucht, was ja zwar nichts Aussergewöhnliches ist, aber heute versteht ihn jedermann, denn weder Bus noch Chauffeur sind zu erreichen, und die Vermieterfirma kann auch nicht weiter helfen. Nicht einmal für ein Bier hat Marco Zeit, so dass Roger Erbarmen hat und ihn mit der nötigen Tranksame versorgt. Plötzlich kommt Bewegung in die leidige Angelegenheit, denn man beschliesst, mit dem Zug weiter zu reisen. Vor lauter Hast leert Chrigel seinen Aperol über sein T-Shirt, bevor wir in den Zug einsteigen und die etwas mühsame und lange Reise über Kreuzlingen, Romanshorn, Rorschach nach Buchs antreten. Am Bahnhof Buchs weisen Anschlagtafeln wegen Bauarbeiten verwirrend in verschiedene Richtungen. Marco zieht wortlos davon, die meisten gemäss dem Herdenprinzip hintendrein. Doch wo geht er hin? In die nächste Beiz? – Nein, er hat einen Hinweis gefunden, wohin die Bushaltestelle während der Umbauzeit verlegt wurde. Also eilt auch der Rest der Gruppe hinter ihm her, erwischt den Bus nach Vaduz, Schaan und Steg in letzter Minute, sozusagen auf dem Trittbrett. Nach einem schnellen Aufstieg, wo wir unseren Frust über die unliebsame Geschichte mit dem unauffindbaren Bus in Energie in den Beinen umwandeln können, erreichen wir das Sücka Bergrestaurant, wo uns die kettenrauchende Serviertochter mit reichlich Bier versorgt, zwar erst gegen halb neun Uhr anstatt zwei Stunden früher. Schon kommt das nächste Unheil über uns, denn die Wirtsleute haben aus unerfindlichen Gründen mit 15 anstatt 24 Männerrieglern gerechnet. Kein Problem, meint der Wirt, er müsse einfach etwas mehr Fleisch schneiden. Wirklich schmeckt das Essen ausgezeichnet, und genug bekommen wir alle auch. Mit den Schlafplätzen wird’s schwieriger. Max reklamiert, er wisse nicht, wo er schlafen könne. Albert, stets hilfsbereit, bekommt von der Serviererin einen Schlüssel und bietet ihm an, er könne mit ihm das Zimmer teilen. Für Marco sieht die Sache bedenklicher aus, denn als er sich spät abends schliesslich entschliesst, das Bett aufzusuchen, findet er sein Bett besetzt, resp. das Zimmer abgeschlossen, denn wohlweislich hat Albert gespürt, dass Marco plötzlich mit unliebsamen Folgen in seinem Zimmer auftauchen könnte. So bleibt dem „armen“ Marco nichts anderes übrig, als im Massenschlag zu übernachten. Er findet weder genügend Platz noch Ruhe zwischen den Kameraden, so dass er schwer getroffen seine Matte packt und im Gang die Nacht hinter sich bringt. Wer nicht rechtzeitig ins Bett steigen will, muss nehmen, was übrig bleibt. So muss sich auch Martin Fehr dem Schicksal beugen und mit den andern im Massenschlag übernachten. Sein Ausspruch, Präsident und Leiter hätten Privatzimmer verdient, bringt ihn auch nicht weiter. Das Gebimmel von Glocken der Rinder vor den Fenstern weckt am Sonntagmorgen auch die letzten Schläfer. Ich werfe nach dem reichlichen Frühstück während des Zähneputzens einen Blick aus dem Fenster und bemerke zu meiner Verwunderung, dass sich das Gros der Kameraden bereits auf den Weg gemacht hat. Zügig eile ich hinterher, Chrigel und Martin Kiefer hinter mir ebenfalls. Eine kleinere Gruppe nimmt den gemütlicheren Weg direkt nach Triesenberg unter die Füsse. Über den Hemmi-Pass führt die sensationelle Wanderung, vorbei an Alpenrosen, Akelei, Tüfelschrallen, bietet phänomenale Ausblicke in die Berge und tief hinunter aufs Zentrum Liechtensteins. Wer noch genügend Kraft in den Beinen spürt, lässt sich die kurze Anstrengung zur Alpspitze nicht nehmen, wo eine rundum freie Sicht bei herrlichem Sonnenschein die Mühen des Aufstieges schnell vergessen lässt. Beim Abstieg überraschen uns Biker, die über Kies und Geröll die steile, rutschige Abfahrt wagen. Auf dem oft begangenen Weg über den ausgesetzten Fürstensteig ist Vorsicht geboten, denn auf der einen Seite türmen sich steile Felswände auf, während sich auf der anderen Seite gähnende Abgründe öffnen, wo ein Ausgleiten fatale Folgen haben könnte. In einem kleinen Restaurant in wiederum einfacherer Gebirgslandschaft trinkt eine kleine Gruppe zur Stärkung ein Bier. Ich habe Durst und trinke es lieber kühl, worauf Albert meint, ich sei der schnellste Biertrinker, den er kenne. Bei fantastischer Aussicht hinunter nach Vaduz, in den Hauptort Liechtensteins, treffen wir uns alle zum Zmittag im Hotel Kulm in Triesenberg, das heisst fast alle, denn Rolf hatte am Morgen die Wandergruppe über den Hemmi-Pass verpasst, weil Marcos Information zum morgendlichen Abmarsch nicht alle erreicht hatte. Frustriert machte er sich deshalb kurzentschlossen allein auf den Heimweg. Per Bus fahren wir darauf mit vollem Magen und entsprechender Müdigkeit ins Tal hinunter nach Vaduz. Bruno Tanner fallen die Augen zu. Sepp macht ein erholsames Schläfchen. Erst das von Jean Egloff gesponserte Bier unter roten Sonnenschirmen bringt die Gemüter trotz brütender Hitze wieder zum Leben zurück. Noch eine gute Stunde wäre zur Verfügung, um uns in Vaduz umzusehen, aber wegen der Hitze mag man kaum das Bierglas zu heben, geschweige denn eine Stadt anschauen. Nur der Geist ist bei den einen noch aktiv, die sich spannende Diskussionen um Schule und Gemeindepolitik liefern. Eine Stunde früher als geplant treten wir die Heimreise mit dem Zug über Ziegelbrücke an. Alle sind schläfrig. In Rüti bleibt ein wenig Zeit, die einigen, Marco voraus, zu einem weiteren Bier verhilft. Die andern wissen kaum mehr, was trinken und warten mit mehr oder weniger Geduld auf den Tösstaler, der uns wohlbehalten nach Hause bringt. Danke, Marco, für die Organisation der etwas ungewöhnlichen, mit Überraschungen gespickten Reise ins nahe Ausland.

Walter Ledermann