Turnfahrt der Männerriege Bauma zum Bodensee

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Marco hat uns wiederum eine spannende Reise vorbereitet. 22 Männerriegler meldeten sich an, und mit Res, der nur am Samstag dabei ist, sind wir sozusagen 22 ½ Teilnehmer. Bei der Abfahrt des Zuges zeigt sich das Wetter von der schönen Seite, doch sind Gewitter angesagt. Während Andi Widmer am Bahnhof in Winterthur in aller Seelenruhe seine Zigarette raucht, macht sich Marco Sorgen, ob wir den Zug in St. Gallen und den Bus nach Arbon wegen Verspätungen erwischen werden. Doch keine Bange, alles klappt bestens, so dass wir rechtzeitig in der Mosterei Möhl vom Chef persönlich empfangen werden. Zuerst macht er uns auf seine Verbindung zu Bauma aufmerksam. Seine Grossmutter sei eine Nachfahrin vom Baumer Käser Häsler, und mit  Hansruedi Wagner habe er gute Geschäfte getätigt. Wie klein ist doch die Welt! Im neuen, äusserst attraktiv ausgestatteten Museum seiner Firma erzählt er interessante Einzelheiten. Der Betrieb wurde 1910 von Hans Georg Möhl gegründet und wird heute in der fünften Generation erfolgreich weitergeführt. 78 Mitarbeiter sind das ganze Jahr angestellt, obwohl das eigentliche Mosten, bedingt durch die Erntezeit, nur drei Monate dauert. Die Firma Möhl ist ein Lebensmittelindustriebetrieb und verlangt deshalb äusserste Sauberkeit. 43% der gesamten Mostobsternte der Schweiz verarbeitet Möhl, und zwar 45‘000 t pro Jahr. 85% werden konzentriert, um weniger Lagerplatz zu benötigen und eine bessere Lagerhaltung zu erzielen. Zum Schluss der Führung darf natürlich die Degustation von Cider, Biomost und dem bekannten „Möhl“ mit oder ohne Alkohol nicht fehlen. Jeder bekommt als Bhaltis einen Karton mit vier Fläschchen. Doch wo sollen wir es verstauen? Die Rucksäcke sind nicht für grosse Geschenke ausgelegt, deshalb tauschen sie die  meisten gegen einen kühlen Most um. Auch Cüpli aus Obstsaft sind zu haben, und Jürg Keller spendiert grosszügig gleich eine Runde von dem edlen Getränk. Nach einem kurzen Bummel kommen wir in dem mit „Presswerk“ bezeichneten Gebäude an. Es ist  eine ehemalige Stickerei, die nachher als Werkstätte für die Firma Saurer diente und jetzt als Restaurant eine neue Bestimmung gefunden hat. Hungrig warten wir auf das Mittagessen. Ein Apfeldrink wird an Stelle einer Suppe serviert. Nachher folgt Saltimbocca mit Polenta. Dazu trinken wir so teures Wasser, dass das Bier beinahe günstiger wäre. Beim Hafen diskutieren wir hin und her, wo wir wohl einzusteigen haben, denn keiner weiss, ob wir unter schweizerischer, deutscher oder österreichischer Flagge fahren. Aber bald ist alles klar, als das Schiff einfährt. Wir steuern vorerst Rorschach an, wo eine Unmenge Velofahrer zusteigt. Wir flüchten in die oberen Räume, denn unten bleibt schlicht kein Platz mehr. Auf der Weiterfahrt nach Lindau wundern wir uns über die Sturmwarnung, die bei schönstem Sonnenschein eingeschaltet wird, doch wir spüren eine grosse Spannung in der Luft. Kurze Zeit später trägt der Bodensee Schaumkronen wie das Meer. Windböen peitschen gegen das Schiff und Gischt spritzt in die Höhe, die uns wie Flüchtige ins Schiffsinnere treibt. Nach kurzer Zeit ist der Spuk allerdings bereits vorbei. Im Hotel „Inselgraben“ in Lindau werden uns Dreier- und Viererzimmer zugeteilt, zum Teil mit  Etagendusche. Marco hat es besonders gut mit Hanspeter und mir gemeint, denn wir erhalten ein Doppelzimmer mit Dusche und WC. In einem Strassenrestaurant finden wir uns alle wieder zu einem Apéro. Die Sonne blendet zwar, aber die Temperatur ist angenehm warm und das Bier kühl. Zum Essen treffen wir uns im historischen Gasthaus zum Sünfzen. „Zum Sünfzen“ war eine Patriziergesellschaft in Lindau, die erstmals 1358 urkundlich erwähnt wurde. Ihr Ziel war vordergründig die Geselligkeit zu pflegen, während die eigentliche Absicht war, den politischen und wirtschaftlichen Einfluss auszubauen. Wir spüren nichts davon und freuen uns auf ein feines Nachtessen. Albert trägt ein dem noblen Lokal angepasstes, elegantes Hemd. Doch plötzlich gerät er in Aufregung, weil sein Schlüssel irgendwie abhandengekommen ist. Schnell sucht er das Lokal auf, wo wir den Apéro getrunken haben, und kommt bald strahlend mit dem Fundgegenstand zurück. An unserem Tisch bestellen wir gemeinsam Wein und Wasser, sind jedoch erstaunt, dass jeder je ein separates Krüglein mit den entsprechenden Getränken bekommt. Das Wasser ist im Gegensatz zum Eventlokal „Presswerk“ sogar gratis. Als Hauptgang folgt Schweinsfilet mit Spinatspätzli. Die Serviererin bringt vier Teller gleichzeitig und fragt, wer am meisten Hunger habe. H. hebt sein Glas in die Höhe und meint, zuerst brauche er mehr zu trinken. Sofort deponiert sie die warmen Teller auf dem Nebentisch und holt für den durstigen Hanspeter zuerst Wein. Gesättigt vom feinen Essen unternehmen die einen Kameraden einen Stadtbummel, während die andern sich eher dem Feierabendbier widmen. Martin Fehr steckt sich eine so dicke Präsidial-Zigarre in den Mund, dass sein Gesicht dahinter beinahe verschwindet. Nachts entlädt sich ein Gewitter über der Stadt, doch Jean hat einen so guten Schlaf, dass er den Lärm des Donners nicht hört.

Am Sonntagmorgen wird reichlich gefrühstückt. Bald sind wir abmarschbereit. Doch wo steckt mein Schirm? Eine Gruppe meiner Kameraden schaut mir amüsiert zu, wie ich suche, den Rucksack im Gang auspacke, gehetzt hinauf ins Zimmer eile, um ihn schliesslich in der Dusche zu finden. Witzige Kommentare und allgemeines Gelächter sind natürlich angebracht, als die Kameraden mich fragen, ob ich mit dem Schirm geduscht oder ihn auf der Toilette gebraucht habe. Marco und Albert benützen die Zeit für einen weiteren Bummel durch die einzigartige, historische Stadt Lindau bis zur Zugsabfahrt nach Friedrichshafen. Wer nicht wandern kann, fährt weiter bis Nussberg. David Brizzi fragt Jean, ob er ihm den Rucksack mitgeben könne, weil er ihn doch kaum zu tragen vermöge. Aber Jean lehnt vehement ab. Er hat wohl die originelle Frage sofort richtig interpretiert. Auf der gemütlichen Wanderung, die zwar eher einem Spaziergang gleicht, halten wir für einen ersten Apéro im Strandbad. Jürg, Sepp, Chrigel und Martin vergnügen sich kurz im See. Den zweiten Apéro genehmigen wir uns eingangs Überlingen mit freiem Blick auf den in der Sonne leuchtenden Bodensee. Den dritten Apéro gönnen wir uns in einer richtigen „Chnelle“, dem Galgenhölzle. Es ist die Kultkneipe am Bodensee, gefüllt mit allerlei Gerümpel, aber seit 30 Jahren Teil des Überlinger Lebens. Es stinkt zwar im Lokal, weil das Rauchen erlaubt ist. Dies stört uns nur unwesentlich, weil wir genügend Weisswein zu trinken erhalten, um unsere Vereinskasse etwas zu erleichtern. Vor dem Mittagessen treffen auch die Kameraden, die mit dem Zug gefahren sind, bei uns ein und erzählen von einem schönen Konzert, dem sie in der Kirche beigewohnt haben. In der Krone essen wir Fischknusperli mit einer gewaltigen Menge Salat, danach einen riesigen Coupe Dänemark mit doppelter Schokoladenportion. Einige Kameraden runden das Mittagessen mit einem tüchtigen Schnaps ab, damit der Magen die Essensmengen auch ertragen mag. Per Schiff geht’s nun von Überlingen zur Mainau und weiter nach Konstanz. Albert zieht auf dem Schiff sein wohl verdientes Mittagsschläfchen ein, bis ein Gewitter alle ins Schiffsinnere vertreibt. Bei gewaltigem Regenschauer haben wir das Schiff in Konstanz zu verlassen. Bubenträume werden wieder wach, denn einige springen extra in Pfützen, um die andern anzuspritzen. Am Bahnhof suchen wir nach Köbi Bachmann und Chrigel Matzinger. Wir kommen überein, dass sie ohne uns mit einem früheren Zug nach Kreuzlingen gefahren sein müssen. Erst in Frauenfeld treffen wir sie wieder an, wo wir wegen Bauarbeiten in einen Bus umzusteigen haben. Die Bubenstreiche gehen im Schnellzug nach Winterthur weiter, indem Bruno Tanner über die Sitze gezogen und ihm Schuhe und Socken von den netten Turnerfreunden ausgezogen werden. Nach der eher ermüdenden Fahrt nach Bauma verspüren einige wieder neuen Hunger, den sie sich von Bruno Honegger mit einer Bratwurst beim DVZO Stand gerne stillen lassen. Zuletzt geht mein Dank an Marco für die gelungene Reise.

Walter Ledermann